Frühjahr 2016

Ausführliche Zusammenfassung der Trilogie

Allgemeine Grundlagen der Politischen Theorie

 1 Das wissenschaftliche Weltbild und die Mechanik des Marktes
 2 Das wissenschaftliche und das egozentrische Menschenbild
 3 Die menschliche Gesellschaft

von Thomas Köller, Verlag Neue Aufklärung, Düsseldorf 2014   [Beitrag als PDF]

Die Allgemeinen Grundlagen der Politischen Theorie (AGPT) zeigen, dass die weltweite neoliberale Revolution, die in den 1970er Jahren begann und mittels völkerrechtlicher Vereinbarungen faktisch immer weiter in Verfassungsrang erhoben wird, weder die Wissenschaft noch das Erbe der Aufklärung für sich reklamieren kann: Zwar beruft sie sich zu Recht auf die traditionelle und bis heute prägende Vorstellung von Wissenschaftlichkeit und vom wissenschaftlichen Weltbild. Doch zum einen hat sich diese traditionelle Vorstellung spätestens seit den 1960er Jahren als falsch erwiesen; und zum anderen bestätigt das aus dieser Einsicht entstandene, neue wissenschaftliche Weltbild im Ergebnis die Erkenntnistheorie, aber auch die Aufklärungsphilosophie Immanuel Kants – und damit die wichtigste Grundlage des modernen Verständnisses von Demokratie und Menschenwürde, welches durch den Neoliberalismus heute zunehmend zur Seite gedrängt wird.

 

Allgemeiner Ausgangspunkt und Aktualität

Ausgangspunkt der AGPT ist ein Problem, das dem westlichen Selbstverständnis nach gar nicht existieren dürfte: Wie kann das moral- und rechtstheoretische Erbe der Aufklärung – die Verpflichtung von Staat und Recht auf die Sicherung der Menschenwürde – bewahrt werden, wenn die Wissenschaft gleichzeitig etwas anderes nahezulegen scheint? Tatsächlich bezeugen nicht zuletzt die unzähligen Opfer des Nationalsozialismus, dass speziell der Sozialdarwinismus seinerzeit viel Gehör für seine These gefunden, es sei angesichts der Evolutionstheorie geboten, sich über die moralischen Gebote im engeren Sinn hinwegzusetzen. Nach dem Zweiten Weltkrieg bekannte man sich deshalb vielfach umso nachdrücklicher zum unbedingten Wert der Menschenwürde. Doch angesichts der vermeintlich wissenschaftlichen ökonomischen bzw. neoliberalen Theorie wird auch dies wieder zur Disposition gestellt, nämlich zugunsten eines nach und nach vereinbarten System rechtlicher Normen oberhalb der Nationalstaaten bzw. außerhalb der UNO, welches den effektiven Schutz der Rechte und Interessen von Investoren und großer Konzerne im Zweifelsfall noch über jenen der Menschenrechte stellt.[1]

Doch so sehr man sich über solcherlei Entwicklungen empören mag: Insofern sie gerade auf der Verdrängung normativer Argumente durch wissenschaftliche Autorität basieren, lassen sie sich offenbar nicht allein durch moralische Kritik aufhalten und umkehren. Was stattdessen nötig ist, ist eine Kritik, die auf dem Gebiet der Wissenschaft selbst vorgetragen wird – und anders, als es auf den ersten Blick scheinen mag, ist davon keineswegs eine Gefährdung dessen zu erwarten, was eigentlich verteidigt werden soll; denn tatsächlich baut das moral- und rechtstheoretische Erbe der Aufklärung seinerseits, im Werk Kants, auf der Erkenntniskritik, also dem Verständnis der Grundlagen der Wissenschaft auf.

Gegenstand, Methode und wissenschaftsgeschichtlicher Hintergrund

Der eigentliche Gegenstand der AGPT ist angesichts dieses Problemaufrisses somit die Rekonstruktion des gesamten wissenschaftlichen Weltbildes – von Physik und Biologie bis hin zur Sozialwissenschaft und Politischen Theorie – sowie eine entsprechende Kritik der wichtigsten ‚szientistischen’ Disziplinen und Theorien, darunter insbesondere auch die neoliberale ökonomische Theorie.

Die Methode dieser Rekonstruktion ist in erster Linie die Erkenntniskritik im Sinne der kantschen Erkenntnistheorie, also die Reflexion des Verhältnisses von Erkenntnissubjekt und -objekt. Doch entscheidend ist, dass diese Methode strikt von jenem grundlegenden Irrtum in Bezug auf das wissenschaftliche Weltbild ausgeht, der erst vor wenigen Jahrzehnten als solcher erkannt worden ist: In der (heute als hinfällig erkannten) Erwartung, dass sich die mathematischen Probleme in Bezug auf die Berechnung der physikalischen Bewegungsgleichungen als lösbar erweisen würden, hatte man schon einmal den Schluss gezogen, dass die Wissenschaft das Bild einer Welt zeichne, in der es keinerlei Einwirkung von irgendetwas auf irgendetwas anderes gebe und also alles nur seinen individuellen, inneren Impulsen folge, ohne dass dadurch aber irgendwelche Konflikte entstünden. Anders gesagt: Der völlige Egozentrismus der Teile und die perfekte Harmonie des Großen Ganzen erschienen als zwei Seiten derselben Medaille – und immer schon zu bestehen.

Heute hingegen weiß man, dass es große Gruppen von Bewegungsgleichungen gibt, die sich prinzipiell nur mit endlicher Genauigkeit berechnen lassen, und dass das wissenschaftliche Weltbild somit etwas anderes zeigt, und viel näher an unserem Alltagsverständnis liegt, als lange gedacht: Neben Harmonie gibt es auch Konflikt, Einwirkungen, Veränderung, Wechselwirkungen, Interaktionen, Selbstorganisation, Entwicklungssprünge usw.

Und doch lebt auch das alte, mit Leibniz’ (1646-1716) sogenannter Monadentheorie verbundene und in den AGPT deshalb ‚monadisch’ genannte Weltbild weiterhin fort: Es prägt nach wie vor unser aller Verständnis von strenger Wissenschaft und findet sich, entsprechend, auch in all jenen wissenschaftlichen Disziplinen, denen wir traditionell die größte wissenschaftliche Autorität zusprechen – eben weil sie sich auch außerhalb der Physik an deren strenger Wissenschaftlichkeit orientiert haben.

(i) Zu diesen Disziplinen gehört zum einen die gut ein halbes Jahrhundert nach Leibniz durch Adam Smith (1723-1790) begründete wirtschaftsliberale ökonomische Theorie (und dies heute sogar mehr als damals, s. u.): Auch hier ist die Aussage gerade, dass die Beschränkung der einzelnen Marktteilnehmer allein auf ihren eigenen Nutzen keineswegs Chaos, sondern im Gegenteil eine perfekte und zugleich freiheitliche soziale Ordnung bedeute.[2] Jeder kann seiner eigenen Perspektive folgen, ohne irgendjemand in die Quere zu kommen oder von irgendjemand geschädigt zu werden – so der Kern der wirtschaftsliberalen Utopie.

(ii) Dem alten, ‚monadischen’ Weltbild folgen außerdem all jene Theorien des Lebens und des Menschen, die davon ausgehen, dass der Organismus durch die Gene weitestgehend programmiert sei – denn so eingängig das erst einmal klingt: Es setzt offenbar voraus, dass eine vorab von der Evolution garantierte Harmonie von Organismus und Umwelt existiere. Tatsächlich aber ist diese Harmonie durch Umweltveränderungen ständig bedroht, sofern der Organismus diese nicht durch ein entsprechend flexibles Verhalten ausgleicht; und dies sicherzustellen sind die Möglichkeiten der immer erst über Generationen zum Tragen kommenden Evolution (‚Phylogenese’) stark begrenzt. Deshalb kommt nicht erst beim Menschen auch der ‚Ontogenese’ große Bedeutung zu: dem nicht egozentrischen, sondern interaktiven und dadurch die eigenen Strukturen über die erblichen Programme hinaus weiterentwickelnden Umgang mit der Umwelt. In der Biologie trägt man dem heute, etwa seit Beginn des Jahrtausends, zunehmend Rechnung; doch nicht so in der neoliberalen ökonomischen Theorie mit ihrem Homo oeconomicus – und nur sehr eingeschränkt in der Künstlichen Intelligenz, sofern sie unser Leben über die Digitalisierung immer stärker prägt.

Der in den AGPT entfaltete wissenschaftsgeschichtliche Hintergrund gibt ihrer Erkenntniskritik also die Richtung vor: Er legt fest, inwiefern diese die Grundlagen der Wissenschaft gerade deshalb auf ihrer Seite haben wird, weil sie sich gegen die Disziplinen und Ansätze mit der traditionell größten wissenschaftlichen Autorität richtet.

Das wissenschaftliche Rückgrat

Angesichts des skizzierten Programms durchzieht die AGPT zunächst eine Art ‚wissenschaftliches Rückgrat’ – die Mühen der Ebene ...

Die Objektivität der Physik und die Überwindung des Gegensatzes von Reduktionismus und Holismus

Ausgangspunkt sind in den AGPT 1: Das wissenschaftliche Weltbild und die Mechanik des Marktes zunächst die Rekonstruktion und Präzisierung der grundlegenden erkenntnistheoretischen Einsichten Kants vor dem Hintergrund der Physik und ihrer Entwicklung bis heute: Objektive Erkenntnis besteht nicht in der Erkenntnis des ‚Dings an sich’, sondern in der ‚Konstituierung’ eines abstrakten, theoretischen ‚epistemischen Objekts’; sie ist konstruiert, aber zugleich auch koordiniert (S. 45-48), nämlich gemäß der Gesetze einer mathematischen Struktur namens Gruppe, die zu Kants Zeit noch unbekannt war, sich ungeachtet aller Revolutionen durch Relativitäts- und Quantentheorie aber als zentrales Merkmal aller physikalischen Theorie erwiesen hat (S. 49-53). Zudem hat die Mathematik des 20. Jahrhunderts von dieser Struktur gezeigt, dass sie nicht auf das Ergebnis einer Berechnung oder eines programmierten Ablaufs reduzierbar ist, so dass diese also tatsächlich eine Aktivität des Subjekts voraussetzt (S. 55-59) und die Gruppenstruktur der Physik mithin letztlich Kants stets so rätselhaft erschienenes Konzept des ‚transzendentalen Subjekts’ bestätigt, eines nicht bloß individuellen, sondern ‚allgemeinen’ und dadurch Objektivität konstituierenden Subjekts: Indem die Physiker von ihrer physikalischen Theorie verlangen, dass sie die Struktur einer mathematischen Gruppe besitzen möge, verlangen sie letztlich, dass diese Theorie alle überhaupt möglichen individuell-subjektiven Perspektiven auf die physikalische Welt koordinieren möge.

Allerdings reicht die Macht des ‚transzendentalen Subjekts’ nicht aus – und dies erklärt das Scheitern des ‚monadischen’ Weltbildes –, auch die Dynamik als epistemisches Objekt vollständig zu konstituieren und damit objektiv zu erkennen, eben exakt zu berechnen: Die Gruppenstruktur der physikalischen Theorie gilt bei genauerer Betrachtung nur für das statische Gesamtgefüge der verschiedenen –  ineinander verrechenbaren und einander so gegenseitig definierenden – physikalischen Größen, während die gegenseitige Beeinflussung dieser Größen in der Zeit (die ‚Dynamik’) nicht in allen Fällen alle Gesetze der mathematische Gruppe respektiert (S. 91-97).

Um dies zeigen zu können, muss die Dynamik als Menge von unendlich vielen, geordneten (in eine Reihenfolge gebrachten) und infinitesimalen (‚unendlich kleinen’) Operationen betrachtet (S. 76-80) und dann deutlich gemacht werden, dass die teilweise Nicht-Respektierung der einzelnen Gruppen-Axiome durch diese Menge gerade dem entspricht, was man inzwischen über die teilweise Nichtberechenbarkeit der Dynamik weiß – nämlich dass vollständige Berechenbarkeit nur bei ‚Linearität’ gegeben und ein relevanter Teil der Dynamik jedoch ‚nichtlinear’ bzw. nicht genügend linearisierbar und insofern ‚chaotisch’ ist. Außerdem wird auf diese Weise leicht ersichtlich, dass der Grund für die nur unvollständige Berechenbarkeit nichtlinearer Bewegungsgleichungen (Differentialgleichungen) in der Nichtreduzierbarkeit deren topologischer auf ihre algebraischen Aspekte liegt (Kap. 9 i. V. m. S. 81-90).

Aber: Eine ‚zirkuläre’ Dynamik – bei der also die Wirkung wieder zu ihrer eigenen Ursache wird – garantiert auf der (‚höheren’) Ebene des Zirkels sehr wohl wieder alle Gruppen-Axiome (S. 97-99). Sobald das Erkenntnissubjekt also bereit ist, seinen Blick von der eigentlichen, dem Zirkel zugrunde liegenden – möglicherweise sehr komplexen und deshalb niemals exakt berechenbaren – Dynamik abzuwenden und nur auf den Zirkel zu richten, konstituiert es ein weiteres, autonomes epistemisches Objekt, das als solches nicht auf das ursprüngliche epistemische Objekt im Sinne der physikalischen Theorie reduzierbar ist, gleichwohl es durch dessen Dynamik konstituiert ist (S. 99-100). Die Autonomie der nicht-physikalischen Wirklichkeitsbereiche – des Lebens, des Menschen, der sozialen Welt – wird also innerhalb des wissenschaftlichen Weltbildes konzipierbar.

Demgegenüber war das alte, leibnizsche Verständnis aufgrund seines mathematischen Apparats (wegen seiner Unterstellung von Linearität bzw. genügender Linearisierbarkeit) ‚reduktionistisch’ (S. 109-110) und hatte die nicht-reduktionistische (häufig ‚holistisch’ genannte) Position spiegelbildlich selbst dann mit dem Vorwurf der mangelnden Anbindung an das Physikalische zu kämpfen, wenn sie diese Anbindung mittels Modellen zirkulärer Dynamik und Konzepten der Selbstorganisation sehr wohl thematisierte und eigentlich bereits einen dritten, vermittelnden Weg beschritt.

Das Gesamtsystem der nichtphysikalischen Wirklichkeitsbereiche

Um von der abstrakten Überwindung des Reduktionismus zur konkreten Rekonstruktion aller nichtphysikalischen Wirklichkeitsbereiche zu gelangen, nehmen die AGPT 2: Das wissenschaftliche und das egozentrische Menschenbild außerdem den Aspekt der Materialität hinzu – so dass der Ausgangspunkt nicht mehr nur die reine zirkuläre Dynamik ist, sondern die zirkuläre Dynamik der Produktion und Reproduktion fester, körperlicher Strukturen; kurz: das, was man die ‚Autopoiese’ des Lebens genannt hat.[3] Durch diese wird die Grenze zwischen dem Inneren und dem Äußeren des Zirkels stabiler, seine Autonomie gegenüber seiner Umwelt also größer, seine Selbstkonstituierung umfassender.

Allerdings geschieht dies nicht nur einmal, so dass man insgesamt zu einem nach strengen Prinzipien konstruierten (S. 49-64) System ineinander verschachtelter und jeweils durch bestimmte materielle Strukturen ermöglichter Wirklichkeitsebenen gelangt (S. 64-96), die immer abstrakter werden und letztlich eine Selbstaufhebung der Materialität und Kausalität in ganz oder teilweise geistigen Phänomenen (Bewusstsein, Willensfreiheit, Moral, Sprache, Mathematik usw.) bedeuten (S. 84 f. sowie schon AGPT 1, S. 369-372).

Nur das epistemische Objekt der Sozialwissenschaft ist zwar ebenfalls Teil dieses ‚Gesamtsystem der nicht-physikalischen Wirklichkeitsbereiche’, aber nicht mehr als eine dessen ‚Ebenen’ konzipierbar (da dies die Autonomie der individuellen Subjekte wieder einkassierte, die doch mit jeder Ebene gewachsen ist), sondern nur als das Inventar aller möglichen Formen der intersubjektiven Handlungskoordination: Dieses Gesamtinventar determiniert das individuelle Handeln bzw. den sozialen Prozess in keiner Weise (denn es ist ja jederzeit ein Wechsel zu einer anderen möglichen Form der Handlungskoordination möglich), definiert aber den Raum, aus dem kein Handeln bzw. kein sozialer Prozess hinausgelangen können.

Die möglichen Formen der intersubjektiven Handlungskoordination

Zur tatsächlichen Bestimmung dieses Gesamtinventars der möglichen Formen der zwischenmenschlichen Handlungskoordination greifen die AGPT 3: Die menschliche Gesellschaft auf die sogenannte Genetische Epistemologie Jean Piagets (1896-1980) zurück, die zu diesem Zweck zunächst noch einmal gründlich geprüft wird. Denn die Rekonstruktion vierer Stufen der kognitiven Ontogenese – also der typischen Entwicklung der Intelligenz vom Säugling bis zum Jugendlichen –, für die Piaget weithin bekannt ist, ist eigentlich die Rekonstruktion der vier möglichen Grundformen der Koordination der eigenen, individuellen Handlungen. Jedenfalls hat Piaget selbst dies genau so gesehen und ihm war auch sehr bewusst, dass das sich entwickelnde Kind stets auch eine Koordination seiner eigenen Handlungen mit den Handlungen anderer vornehmen muss. Es ist somit legitim und im Sinne Piagets, aus der intersubjektiven Verallgemeinerung der ‚Stufen’ gerade das gesuchte Gesamtinventar der zwischenmenschlichen Koordinationsformen zu gewinnen – nämlich indem man fragt, was die einzelnen ‚Stufen’ bedeuten, wenn man davon ausgeht, dass die entsprechend koordinierten Handlungen von mehreren statt von einem einzigen Individuum stammen (S. 49-51).  

Jedoch: Da die höheren ‚Stufen’ ein höheres Maß der geistigen Autonomie des Subjekts gegenüber dem Objekt bedeuten, ist die intersubjektive Verallgemeinerung nicht nur in einer einzigen, sondern in zwei Dimensionen vorzunehmen: nicht nur ‚auf der Subjekt-Seite’ (stammen die Handlungen von einem oder mehreren Individuen?), sondern auch ‚auf der Objekt-Seite’ (richten sich die koordinierten Handlungen am Ende auf ein Objekt oder andere Subjekte?). Das Gesamtinventar der möglichen Formen der zwischenmenschlichen Handlungskoordination umfasst also am Ende 4 x 4 = 16 solcher Formen, wobei jeweils vier Formen auf der Subjekt-Seite einem von vier ‚Bereichen’ zugeordnet sind, die sich auf der Objekt-Seite unterscheiden (S. 52-53, 191-193).

Einer dieser Bereiche – nämlich derjenige, der durch die Spezifizierung der Objekt-Seite als ‚Stufe 4’ definiert wird – ist der der politischen Institutionen (S. 195-197), und da die AGPT gerade die Grundlagen der Politischen Theorie ausarbeiten wollen, analysiert Teil 3 der AGPT 3 diesen Bereich detaillierter als die anderen drei. Dabei besteht das wesentliche, und prinzipiell auch auf die anderen Bereiche anwendbare Instrument darin, jede Form auf der Subjekt-Seite noch einmal (oder gar noch mehrere Male) gemäß den vier ‚Stufen’ zu unterteilen (S. 230-262).

Zudem lässt sich eine weitere, dritte Dimension der intersubjektiven Verallgemeinerung rekonstruieren (4 x 4 x 4): Ohne zu behaupten, dass sich Geschichte notwendig an irgendwelche Entwicklungsgesetze halte, sind doch die großen Menschheitsepochen (Frühgeschichte, Vormoderne, Moderne sowie eine zukünftige bzw. hypothetische Nach-Moderne) mit Hilfe der Stufenfolge besser verstehbar (S. 53-57). Und vor allem lassen sich die Grundlagen einer normativen Theorie aus der Beantwortung der Frage gewinnen, wie eine vollständig gemäß ‚Stufe 4’ funktionierende ‚nach-moderne’ politische Weltordnung aussähe (S. 195-197, S. 57-58, 263-271).

Die Erkenntniskritik des Neoliberalismus

In allen drei Büchern der AGPT (vor allem in den ersten beiden) werden die in Bezug auf das ‚wissenschaftliche Rückgrat’ ausgearbeiteten Ergebnisse jeweils auch zur Erkenntniskritik der herrschenden, das heißt der wirtschaftsliberalen und genauer neoklassischen bzw. seit den 1970er Jahren noch genauer neoliberalen ökonomischen Theorie verwendet.

Erkenntniskritik der unsichtbaren Hand des Marktes: Utopie ohne wissenschaftliche Präzisierung

In den AGPT 1 geht es dabei zunächst um das für den Wirtschaftsliberalismus grundlegende Konzept einer unsichtbaren Hand des Marktes. Die Forschungsfrage ist hier, ob diese Idee auch unabhängig vom alten, leibnizschen Weltbild wissenschaftlich untermauert worden sei oder werden könne. Schließlich hat sich bereits der Begründer der wirtschaftsliberalen ökonomischen Theorie, Adam Smith, genau darum bemüht: um eine Rekonstruktion der unsichtbaren Hand als Ausdruck dynamischer Selbstregulierung im Gegensatz zu einer vollkommen vorausberechneten ‚prästabilierten Harmonie’ (AGPT 1: S. 138-139).

Das Ergebnis ist jedoch doppelt negativ: Obwohl nicht nur die ökonomische Theorie selbst kritisch geprüft wird, sondern auch die mögliche Existenz einer bisher übersehenen Lösung, finden sich keine Anhaltspunkte, die nach dem ersten auch noch dem zweiten Blick standhielten. Was man hingegen findet, ist eine immer weitere Abkehr der ökonomischen Theorie von Smith’ Suche nach einer vom leibnizschen Weltbild unabhängigen Ausarbeitung der unsichtbaren Hand. Diese Abkehr hat in der als neoklassisch bezeichneten Phase ab 1870 mit der schlichten Ausblendung der Dynamik durch die Theorie des allgemeinen ökonomischen Gleichgewichts[4] begonnen. Doch erst die heutige, neoliberale Theorie begnügt sich tatsächlich mit nichts anderem als der getreuen Imitation des alten monadischen Weltbildes (S. 215-227): Anstatt weiter nach der unsichtbaren Hand zu suchen, hat sie sich auf die Dogmatisierung des Menschenbildes des Homo oeconomicus verlegt, um angesichts der diesem zugeschriebenen, durch Egozentrismus und Voraussicht definierten ‚Rationalität’ die ‚prästabilierte Harmonie’ zwischen den Marktteilnehmern – die ‚unsichtbare Hand’ also – logisch zu erzwingen. Gescheitert ist diese Strategie trotzdem (S. 227-229), und zwar weil selbst ein zu unendlich präzisen Vorausberechnungen fähiger Homo oeconomicus niemals die Handlungen der jeweils anderen homines oeconomici vorausberechnen kann, solange diese dasselbe umgekehrt versuchen.[5]

Der global hegemoniale Neoliberalismus ist also so etwas wie eine „neue Scholastik“: eine metaphysische und zugleich eine autoritäre politische Ordnung stützende Weltanschauung, die aufgrund ihrer wissenschaftlichen Autorität aber zugleich verbindlich erscheint und keine Kritik duldet (S. 285-286).

Erkenntniskritik des Homo oeconomicus als Menschenbild und Grundlage der Sozialwissenschaft

Zugleich allerdings emanzipiert sich diese neue, neoliberale Scholastik zunehmend von der unsichtbaren Hand, sie benötigt sie immer weniger als Legitimationsbasis – denn indem sie ihre Grundlage letztlich auf das Dogma verlagert hat, dass das Menschenbild des Homo oeconomicus das verbindliche wissenschaftliche Menschenbild sei, gestaltet sie die Welt nun aufgrund der allgemeineren Idee um, dass alle politischen Institutionen (nicht nur der Markt) ausgehend vom Menschenbild des Homo oeconomicus her konzipiert – und entsprechend reformiert – werden müssten.[6]

Nach der Kritik der unsichtbaren Hand in den AGPT 1 widmen sich die AGPT 2 deshalb der Kritik des Homo oeconomicus, verstanden nicht nur als fiktives Modell, sondern als Menschenbild mit wissenschaftlichem Anspruch. Das Ergebnis: Dieser Anspruch wäre nur dann gerechtfertigt, wenn zum einen die neuere biologische Erkenntnis anerkannt würde, wonach das grundlegendste Bedürfnis des Menschen nicht materiell, sondern auf gelungene soziale Beziehungen ausgerichtet ist.[7] Und zum anderen, und vor allem, wäre der dem Homo oeconomicus zugeschriebene Entscheidungsmechanismus – die Maximierung einer Nutzenfunktion unter Nebenbedingungen – zugunsten der Vorstellung einer Interaktion und Koordination des Menschen mit seiner Umwelt einschließlich seiner Mitmenschen aufzugeben: Es ist zwar verdienstvoll, dass die sog. Verhaltensökonomik ihrerseits den traditionell unterstellten Egoismus experimentell widerlegt hat. Doch reicht es nicht aus, daraufhin neben egoistischen auch altruistische Ziele zuzugestehen (‚soziale Nutzenfunktion’), denn bereits der Maximierungsmechanismus als solcher konzipiert das menschliche Verhalten und Handeln formal wie eine vollständig berechenbare Dynamik und damit gemäß dem alten, leibnizschen, ‚monadischen’ Weltbild (AGPT 2: S. 347-357).

Wissenschaftlich fragwürdig ist der Homo oeconomicus mithin nicht in erster Linie wegen seines oft kritisierten Egoismus bzw. wegen der traditionellen Ausblendung immateriellen Nutzens, sondern wegen der Ausblendung der in der realen Welt vorkommenden – und auch zwischen Organismus und Umwelt sowie zwischen den Subjekten allgegenwärtigen – Wechselwirkungen. Dabei kennt heute jeder Ökonom das sogenannte Gefangenendilemma, eben weil es vor Augen führt, dass in Situationen mit Wechselwirkungen nicht deren Ausblendung, mittels der Maximierung einer Nutzenfunktion, sondern ihre Ausnutzung, mittels Kooperation, den höchsten Nutzen erbringt. Gerade der als Maximierer einer Nutzenfunktion definierte Homo oeconomicus ist somit, anders als praktisch die gesamte ökonomische Literatur stets behauptet, keineswegs ein Maximierer seines Nutzens; oder genauer gesagt: Er ist es nur so lange, wie man ihm zusätzlich einen unüberwindbaren Egozentrismus unterstellt, die Unfähigkeit zu Koordination und Kooperation. Es ist also dieser Egozentrismus, und nicht die Nutzenmaximierung, wodurch die ökonomische Theorie den Homo oeconomicus letztlich ganz bewusst definiert (AGPT 1: S. 25-27; AGPT 2: S. 21-23, 358-375; AGPT 3: S. 20-22). Der Kontrast zum tatsächlichen wissenschaftlichen Menschenbild könnte damit nicht größer sein.

Erkenntniskritik der normativen Pointe der ökonomisch-neoliberalen Theorie

Die AGPT enthalten an verschiedenen Stellen und schließlich ganz am Ende der AGPT 3 auch eine Erkenntniskritik der normativen, also das Sollen betreffenden Aspekte der ökonomisch-neoliberalen Theorie – und tatsächlich gilt auch für diese wieder: Sie erscheinen genau so lange trivial und unangreifbar, wie man das Scheitern des ‚monadischen’ Weltbildes außer Acht lässt: Nur wegen dieses Scheiterns – nur wegen der Wechselwirkungen – kann der Egozentrismus des einen zur Gefahr für die Freiheit der anderen werden. Und nur wegen dieser Gefahr wiederum fallen Freiheit und Egozentrismus, anders als der Neoliberalismus behauptet, keineswegs in eins, bedarf es also stattdessen des Rechts (der Regulierung), als des „Inbegriff(s) der Bedingungen, unter denen die Willkür des einen mit der Willkür des anderen ... zusammen vereinigt werden kann.“[8] 

Nur vor dem Hintergrund des Scheiterns des ‚monadischen’ Weltbildes also lässt sich die neoliberale Ordnung – der Verzicht auf jede moralische oder gesetzliche Einschränkung des Egozentrismus – als autoritäre Ordnung zur Durchsetzung des ‚Rechts des ökonomisch Stärkeren’ kritisieren. Innerhalb des alten, hinfälligen ‚monadischen’ Weltbildes hingegen wäre diese Kritik unwissenschaftlich und eine Gefährdung der Freiheit.

Die Fortführung der kantschen Erkenntnistheorie

Mit ihrer Zielsetzung und ihrem Anspruch, den unkritischen Szientismus zu überwinden, orientieren sich die AGPT ausdrücklich am Aufbau des Gesamtwerks Kants: Die Erkenntnistheorie soll, mittels der Erkenntniskritik, schließlich die philosophische und normative, aber nicht bloß spekulativ-metaphysische Theorie des demokratischen und auf die Menschenwürde verpflichteten Rechtsstaats ermöglichen.

Doch gleichzeitig soll der Übergang in die normativ-philosophische Theorie im Vergleich zu Kant auch ‚hinausgezögert’ werden, indem dessen Erkenntnistheorie nicht nur präzisiert, sondern auch weitergeführt und auf die von ihm selbst bereits philosophisch behandelten Bereiche ausgedehnt wird (AGPT 1: S. 34; AGPT 2: S. 29; AGPT 3: S. 11-12, 277-280); und zwar auf Grundlage der Tatsache, dass Kants erkenntnistheoretische ‚Revolution’ eine Art ‚Rochade’ von Subjekt und Objekt bedeutet: Die Objektivität wandert bei Kant auf die Seite des Subjekts und die Subjektivität auf die des Objekts, insofern Objektivität nicht durch einen direkten Zugang zum Objekt, als Ding an sich, gewonnen, sondern nur durch das Subjekt konstituiert werden kann – durch die Koordination aller Perspektiven. Man hat also eine ‚Hinwendung zum Subjekt’, jedoch nicht zum individuellen Subjekt (mit seinen subjektiven Perspektiven), sondern zu einem ‚allgemeinen’ oder ‚transzendentalen Subjekt’, das aber wiederum nichts anderes als eben die aktive Koordinierung der mögliche Perspektiven (mittels der mathematischen Gruppe) ist (AGPT 1: S. 34-35).

Geht es um die objektive Erkenntnis des Lebens (bis hin zum Menschen als eines individuellen Organismus bzw. Subjekts), so bedarf es aber einer ‚2. Rochade’: Um das Leben als epistemisches Objekt konstituieren zu können, muss das Subjekt bereit sein, dem Leben die Selbst-Konstituierung zuzugestehen, mittels der zirkulären Dynamik der Produktion und Reproduktion seiner eigenen materiellen Bestandteile. Das Leben ist also selbst als eine Art Subjekt aufzufassen (‚Hinwendung zum Subjekt’), aber dieser Status ist gebunden an die den Gesetzen der Gruppe gehorchenden Koordinierungen (‚transzendentales Subjekt’) (AGPT 1: S. 35-36; AGPT 2: S. 39; AGPT 3: S. 11-12).

Die Sozialwissenschaft schließlich benötigt jedoch noch eine weitere, ‚3. Rochade’: eine ‚Hinwendung zum Subjekt’ im Sinn der Anerkennung der prinzipiellen Autonomie der individuellen Subjekte, so dass die Gesellschaft nicht als Organismus konzipiert werden kann, sowie die Hinwendung zur Koordination aller Perspektiven, zum ‚transzendentalen Subjekt’, nämlich durch Rekonstruktion der Gesamtheit der möglichen interindividuellen Koordinationsformen statt einzelner historischer Prozesse (AGPT 1: S. 36-37; AGPT 2: S. 40-41; AGPT 3: S. 33-35).

Diese Rekonstruktion führt bis an die Schwelle zur normativ-philosophischen Theorie und ihrer inhaltlichen Übereinstimmung mit derjenigen Kants, denn im Bereich der politischen Institutionen beinhaltet sie zugleich eine Rangordnung hinsichtlich der Intelligenz, mit der die dort möglichen Formen das Problem der menschlichen Wechselwirkungen lösen – das Problem, dass der egozentrische Gebrauch der individuellen Autonomie deren gegenseitige Einschränkung bedeutet. Konkret: Der Markt ist intelligenter als die Diktatur, das auf die Menschenwürde verpflichtete Recht intelligenter als der Markt, und am intelligentesten ist schließlich die solidarische und demokratische Problemlösung.

Ein solche Rangordnung ändert zwar nichts an dem normativen Charakter der Entscheidung für die im erläuterten Sinn intelligenteren Formen, sorgt aber dafür, dass die Empfehlung für eine relativ weniger intelligente Form erst recht nicht wissenschaftlich legitimiert werden könnte (AGPT 3: S. 275-277 i. V. m. 204-205).

Weitere wissenschaftsgeschichtliche Anmerkungen

Neben den bisher genannten Aspekten enthalten die AGPT auch eine Reihe weiterer wissenschaftsgeschichtlicher Anmerkungen. Insbesondere die AGPT 2 setzen sich damit auseinander, dass die Physik zwar längst über Leibniz hinaus ist, das allgemeine Wissenschaftlichkeitsverständnis, jenseits der Physik, aber hinterherhinkt und somit diejenigen Disziplinen und Ansätze, die sich traditionell eng am physikalischen Vorbild und deshalb am leibnizschen Weltbild orientierten, bis heute die größere wissenschaftliche Autorität genießen. Demgegenüber haben jene, die aus der erkenntniskritischen Tradition Kants erwachsen sind und entsprechend von den AGPT in Anspruch genommen und fortgeführt werden, nach wie vor einen schlechten Stand, obwohl die Entwicklung in ihre Richtung zeigt.

Die ‚ältere Selbstorganisationstradition’ von Kant bis Piaget

Abgesehen von der Jurisprudenz hat sich die kantsche Tradition zunächst vor allem in einer aus heutiger Sicht ‚älteren Selbstorganisationstradition’ manifestiert, bestehend aus:

  • den biologischen Systemansätzen, sofern sie sich – angefangen bei Kant selbst[9] – im Sinne der ‚2. Rochade’ interpretieren lassen (AGPT 1: S. 355-368; AGPT 2: S. 100-111; AGPT 3: S. 81-82);
  • deren Verallgemeinerung zu einem entsprechenden Verständnis von Kognition (AGPT 2: S. 111-114, 124-126, 140-144; AGPT 3: S. 82-86) durch die Genetische Epistemologie Jean Piagets (s. o.) und wichtige Vertreter der frühen Kybernetik, sofern sie dem Gedanken der Selbstorganisation gegenüber offen waren (vor allem William Ross Ashby, 1903-1972).

Allerdings entdeckt man selbst bei Piaget – neben einigen anderen kritikwürdigen Punkten – noch Spuren der leibnizschen Metaphysik (AGPT 2: S. 159), die aber den Kern seiner Genetischen Epistemologie nicht in Mitleidenschaft ziehen.

Biologie, Computer- und Kognitionswissenschaft, Digitalisierung, Entwicklungspsychologie

Seit den 1950er Jahren ist der Systemansatz in der Biologie zunächst deutlich von der orthodoxen Molekulargenetik verdrängt worden, der zufolge eine vorausberechnete Einbahnstraße von den Genen zu den jeweiligen Eigenschaften des Organismus führt. Doch just in dem Moment, in dem man das menschliche Genom entschlüsselt hatte und man sich den Mechanismen zuwandte, wurde auch klar, dass das nur die halbe Wahrheit ist, da zusätzlich Rückkopplungen von der Gesamtsituation des Organismus (in seiner jeweils aktuellen Umwelt) auf die Aktivität und teilweise sogar den ‚Text’ der Gene zu berücksichtigen sind (AGPT 1: S. 353-358). Insofern ist die Biologie konzeptionell faktisch zum ‚Systemansatz’ und der ‚ältere Selbstorganisation’ zurückgekehrt.

Ähnlich die eng mit der Computerwissenschaft verbundene Kognitionswissenschaft einschließlich der Künstlichen Intelligenz: Auch diese Disziplinen sind zunächst zur Vorstellung eines programmierten Einbahnstraßenprozesses übergegangen, um sich ab Ende der 1970er Jahre auf eine lange Rückkehr zur älteren Selbstorganisationstradition zu machen (vor allem in der Robotik). Allerdings wird diese Rückkehr durch technische, auf Berechnung zielende Interessen auch immer wieder aufgehalten (AGPT 2: S. 130-144) und schaut man nicht nur auf die einzelne, digitale Maschine, sondern auf den umfassenden Prozesses der Digitalisierung, so dominieren hier vielfach immer noch Vorstellungen von Berechnung und Programmierung, ganz gemäß dem alten, monadischen Weltbild. Am Ende entscheiden dann Algorithmen anstelle des Menschen, und zwar auf Grundlage des neoliberalen Modells des Homo oeconomicus,[10] welcher (das vergessen die Kritiker meistens) freilich gerade nicht halten kann, was es verspricht (s. o.).

Schließlich die Entwicklungspsychologie: Diese hat sich, in enger Verbindung mit der Kognitionswissenschaft, sogar hartnäckig in ein rationalistisches und ein empiristisches Lager aufgespalten (AGPT 3: S. 100-103)[11] – ganz so, als ob dieses für die Erkenntnistheorie vor Kant typische Schisma eben durch Kant und die ältere Selbstorganisationstradition nicht bereits überwunden worden wäre. Und so ist das einzige, über das man sich in der Entwicklungspsychologie heute einig ist, denn auch tatsächlich, dass ihr früherer Übervater Piaget heute überholt sei. Aber bereits, wenn es um die neueren Experimentalstudien geht, die diesen Befund untermauern sollen, und erst recht, was Piagets Theorie selbst betrifft, sehen die beiden Lager im wesentlichen nur, was sie ohnehin schon zu wissen glauben (AGPT 3: S. 103-118). Kritikwürdig an Piaget ist somit zwar, dass er selbst, in den Zeiten seines größten Erfolgs, seinen biologischen Systemansatz teilweise nicht ernst genug genommen hat (AGPT 3: S. 112-113), aber nicht, dass der Kern seiner Genetischen Epistemologie durch neuere Forschungen überholt wäre (AGPT 3: S. 118-124).

Die moderne Selbstorganisationsforschung

Vor allem Teil 3 der AGPT 2 setzt sich außerdem umfassend mit der modernen Selbstorganisationsforschung auseinander, deren einer Zweig (Eigen/Haken/Prigogine) in seinem Gründungsmythos einen klaren Bruch gegenüber der ‚älteren Selbstorganisationstradition’ (s. o.) vollzog, während ihr anderer Zweig (Stuart Kauffman bzw. im weiteren Sinn der eng mit dem Santa Fe Institut verbundene CAS-Ansatz) entschieden daran anknüpft.

Was den ersten Zweig (die ‚neuere Selbstorganisationsforschung’) betrifft, so ist das Ergebnis der Untersuchung, dass der von den drei Autoren rekonstruierte, vermeintlich universelle Selbstorganisationsmechanismus lediglich eine einzelne Ebene im Rahmen des in den AGPT 2 erarbeiteten, verschachtelten ‚Gesamtsystems der nichtphysikalischen Wirklichkeitsbereiche’ bildet, und zwar unterhalb der Ebene des Lebens (AGPT 2: S. 265-268). Der Mechanismus mag also in der Tat universell sein, aber er ist dies im trivialen Sinn und für die ältere Tradition somit ohne Belang – da er den für die tatsächliche Rekonstruktion der nichtphysikalischen Wirklichkeitsebenen wesentlichen Aspekt der Materialität ausblendet. Außerdem hat man der älteren Tradition gegenüber sogar bestimmte ideologische Verkürzungen vorgenommen, nämlich indem man nicht mehr gefragt hat, unter welchen Voraussetzungen die Zerstörung vorheriger Strukturen denn tatsächlich auch eine schöpferische Zerstörung (Schumpeter) sei (AGPT 2: S. 244-249). Vor allem bei Prigogine hat dies zu einer regelrechten Neugeburt des leibnizschen Weltbildes geführt: zu einem Verständnis von Selbstorganisation, in dem es genauso wenig irgendwelcher Einwirkungen oder Koordinationen bedarf wie in Leibniz’ prästabilierter Harmonie (AGPT 1: S. 363-364; AGPT 2: S. 221-222, 249). Die ‚neuere Selbstorganisationsforschung’ ist somit eine Verbündete des seinerzeit entstehenden neoliberalen Zeitgeistes, und das ausgerechnet im Namen des Widerstands gegen das alte, ‚lineare’ (und somit eigentlich leibnizsche) Weltbild.

Deutlich differenzierter sieht es hingegen beim CAS-Ansatz (der ‚Komplexitätstheorie’) aus, der nicht nur den biologischen Systemansatz der ‚älteren Selbstorganisation’ rehabilitiert und gleichzeitig demonstriert, dass die ‚neuere Selbstorganisationsforschung’ demgegenüber eine Verkürzung war (AGPT 2: Kap. 23-25). Etliche der Protagonisten wenden sich auch sehr kritisch gegen die neoliberale ökonomische Theorie und bieten als Modell zum Verständnis der Marktdynamik die Ko-Evolution mehrerer biologischer Arten in Ökosystemen an: Hier gibt es, rein mathematisch, keine ‚Energiefunktion’ und damit kein soziales Optimum, das durch eine ‚unsichtbare Hand’ herbeigeführt werden könnte – durchaus aber eine irrational herrschende, ungerechte ‚unsichtbare Hand’, die systematisch bestimmte Arten bzw. Marktteilnehmer unabhängig von ihrer ‚Leistung’, und manchmal auch fast das gesamte System ausmerzt (AGPT 1: Kap. 16-17). Doch leider wird auch hier die kritische Spitze teilweise wieder abgebrochen, werden also auch diese irrationalen und ungerechten Zerstörungen doch wieder als vermeintlich ‚schöpferisch’ betrachtet, und zwar weil man einen Fehler fortführt, der auch schon typisch für die in den AGPT ansonsten so sehr verteidigte ältere Selbstorganisationstradition war: Der biologische Systemansatz wird leichtfertig auf die soziale Welt übertragen, so dass die noch so irrationale ‚unsichtbare Hand’ als notwendige ‚Anpassung’ eines entsprechenden ‚sozialen Systems’ und insofern als faszinierend, weise und notwendig erscheint (AGPT 2: Kap. 26).

Soziologische Theorie und Mikro-Makro-Problem

Ungeachtet aller Verteidigung der älteren Selbstorganisationstradition wenden sich die AGPT entschieden gegen dieses Ansinnen, auch den sozialen Wirklichkeitsbereich noch im Rahmen des biologischen Systemansatzes (im Rahmen der ‚2. Rochade’) zu behandeln. Die oben skizzierte ‚3. Rochade’ geht deshalb darüber hinaus und dies beinhaltet einerseits einen Vorschlag zur Lösung des sogenannten Mikro-Makro-Problems, andererseits aber auch eine Herabstufung dessen Bedeutung: Die eigentliche Aufgabe ist die Konstruktion des epistemischen Objekts der Sozialwissenschaft bzw. der Soziologie, und diese ist durch die Lösung des Mikro-Makro-Problems zwar wesentlich vorbereitet, aber noch nicht vollendet.

Letztere ergibt sich nämlich aus dem Mechanismus der kognitiven Ontogenese, der dafür sorgt, dass der sich entwickelnde, heranwachsende, und selbst noch der erwachsene Mensch immer besser lernt, seine Handlungen zu koordinieren: Dies geschieht einerseits nicht nur gegenüber den Objekten, sondern auch gegenüber den anderen Subjekten, und andererseits bedeutet es auch die Koordination mit den Objekten und anderen Subjekten. Es entstehen also zwischen dem einzelnen Subjekt und seiner Umwelt liegende, beide umfassende Koordinationsstrukturen, darunter auch intersubjektive Koordinationsstrukturen, die aber vom individuellen Handeln jederzeit sabotiert werden können. Sie fallen in der Regel auch entsprechend unvollständiger aus als innerhalb eines Organismus und so erfordert die Konstruktion des epistemischen Objekts der Sozialwissenschaft zusätzlich zur Lösung des Mikro-Makro-Problems auch noch die Rekonstruktion des Gesamtraums aller möglichen intersubjektiven Koordinationsformen (AGPT 2: S. 388-394; AGPT 3: S. 46-48).

Ökonomisch-neoliberaler Rationalismus und politikwissenschaftlicher Empirismus

Ohne eine solche Lösung bleiben die Sozialwissenschaften hingegen gespalten – erneut (wie schon in der Kognitionswissenschaft) analog zur Erkenntnistheorie vor Kant: Während man auf empiristischer Seite (etwa in der Politikwissenschaft und Teilen der Soziologie) keine allgemeinen, sondern immer nur zeitgeschichtlich relative Ergebnisse liefern kann, werden diese von der rationalistischen ökonomischen Theorie auf rein mathematischem Gebiet erzielt, ohne dass dies Aussagen über die soziale Welt erlaubte. Beides ist unzureichend – und auch wenn das empiristische Lager beim derzeitigen Stand sicher redlicher ist, verfügt das rationalistische doch trotzdem über das größere wissenschaftliche Prestige beim allgemeinen Publikum, weil es dessen vom ‚monadischen’ Weltbild geprägten Vorstellungen von strenger Wissenschaftlichkeit entgegenkommt. Die ökonomisch-neoliberale Theorie besitzt also immer einen ‚Vorsprung’: Sie setzt die Zielvorgaben für die zeitgeschichtliche Entwicklung, während die komplexen politikwissenschaftlichen oder soziologischen Analysen diese dann nachträglich rekonstruieren (AGPT 1: S. 327-328).

[1] Andreas Fischer-Lescano/Kolja Möller: Der Kampf um globale soziale Rechte. Zart wäre das Gröbste, Berlin 2012; Andreas Fischer-Lescano/Johan Horst: Europa- und verfassungsrechtliche Vorgaben für das Comprehensive Economic and Trade Agreement der EU und Kanada (CETA), Juristisches Kurzgutachten im Auftrag von attac/München, Bremen 2014.

[2] So auch bereits Christian Arnsperger: Homo Œconomicus, Social Order, and the Ethics of Otherness, in: Ethical Perspectives, Band 6 (1999): 139-149.

[3] Humberto R. Maturana/Francisco Varela: Autopoiesis. The Organization of the Living, Dordrecht 1972; Humberto R. Maturana: Autopoiese: Die Organisation lebender Systeme, ihre nähere Bestimmung und ein Modell, in: Derselbe: Erkennen: Die Organisation und Verkörperung von Wirklichkeit, Braunschweig: 157-169.

[4] Léon Walras: Eléments d’Économie Politique Pure, Lausanne 1874-1877; Gérard Debreu: Werttheorie. Eine axiomatische Analyse des ökonomischen Gleichge­wichts, Berlin/Heidelberg/New York 1976 (Theory of Value, New Haven 1959).

[5] Siehe bereits Oskar Morgenstern: Vollkommene Voraussicht und wirtschaftliches Gleichgewicht, in: Derselbe: Spieltheorie und Wirtschaftswissenschaft, Wien/München 1963: 43-70 (in: Zeitschrift für Nationalökonomie, Band 6 [1935]: 337-357).

[6] Roger B. Myerson: Nash Equilibrium and the History of Economic Theory, in: Journal of Economic Literature Band 37 (1999): 1067-1082.

[7] Joachim Bauer: Prinzip Menschlichkeit. Warum wir von Natur aus kooperieren, Hamburg 2006: Kap. 2.

[8] Immanuel Kant: Metaphysische Anfangsgründe der Rechtslehre, zit. nach Otfried Höffe: Kants Kritik der praktischen Vernunft. Eine Philosophie der Freiheit, München 2012, S. 222.

[9] Immanuel Kant: Kritik der Urteilskraft (1793): §§ 64-66, 68; Stuart A. Kauffman: Reinventing the Sacred. A New View of Science, Reason, and Religion, New York 2010 (2008): 88-89, 94.

[10] Frank Schirrmacher: Ego. Das Spiel des Lebens, München 2013.

[11] Martin, J./Sokol, B. W./Elfers, T.: Taking and Coordinating Perspectives: From Prereflective Interactivity, through Reflective Intersubjectivity, to Metareflective Sociality, in: Human Development 51 (2008), 294-317.